Zeitleiste


Der jüdische Friedhof von Mellrichstadt

Geschichte des jüdischen Friedhofs von Mellrichstadt

1871
Die jüdische Gemeinde von Mellrichstadt darf einen eigenen Friedhof anlegen. Das bedeutet eine große Erleichterung, denn zuvor mussten die Juden aus Mellrichstadt ihre Toten über mehrere Jahrhunderte auf dem Regionalfriedhof in Kleinbardorf bestatten.

Am 2. November 1871 wird der jüdischen Gemeinde ein Acker in der Gemarkung „ Am Kniebrecher“ notariell zugeschrieben.
Die Hälfte dieses Ackers wurde als Friedhof angelegt, die andere Hälfte für die landwirtschaftliche Nutzung verpachtet.

Kindergräber jüdischer Friedhof Mellrichstadt

1872
Im Oktober findet die erste Bestattung statt: Es ist der drei Monate alte Salomon Goldschmidt, der am 2. Oktober 1872 verstorben war. Er wird in der Abteilung der Kindergräber beerdigt (siehe Grab Nr. K001).

1873
Am 13. April 1873 stirbt der Großvater des kleinen Salomon, Joseph Goldschmidt. Er ist der erste Erwachsene, der auf dem Friedhof bestattet wird. (siehe Grab Nr. 001).

1921
Da der Friedhof nahezu vollständig belegt ist, beschließt die Gemeinde, jetzt auch den bislang verpachteten Teil für Bestattungen zu nutzen. Sie kauft einen Streifen Land für die Zufahrt zum neuen Teil.

1922
Der Friedhof wird erweitert und mit einem Holzzaun umgeben.
Im Innern wird ein Zaun aus Fichten angelegt. Zusätzlich werden Birken und Sträucher gepflanzt.

1929
Die Gemeinde lässt ein Eingangstor erneuern.

1934
Sieben große und drei kleine Grabsteine werden gewaltsam umgeworfen. Die Täter werden nicht ermittelt.

1938
Während der Novemberpogrome wird der Friedhof komplett verwüstet.
Nahezu alle Grabsteine werden umgeworfen, viele zerbrochen. Bis heute fehlen sechs Grabsteine für Erwachsene und zehn für Kinder.
Viele Namenstafeln werden zerschlagen. Die meisten fehlen bis heute.

1939
Auf dem Friedhof findet die letzte Bestattung statt: Ida Rosenbaum. Sie war am 10. August 1939 an einem Schädelbruch verstorben, nachdem Nazis sie in ihrer Wohnung eine Treppe hinunter gestoßen hatten (siehe Grab Nr. 155).

jüdischer Friedhof Mellrichstadt

1942
Nach der Deportation der letzten jüdischen Gemeindemitglieder verwaist der Friedhof.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren dort 141 Erwachsene und 32 Kinder bestattet worden.

15 Grabstellen waren für Angehörige, meistens Ehepartner, reserviert worden. Belegt wurden diese nicht mehr.

Zum Schicksal dieser 15 Familienangehörigen:
Drei von ihnen können dem Naziterror durch Emigration entkommen. Sechs haben die Stadt verlassen und sterben an anderen Orten. Fünf werden in diesem Jahr von Mellrichstadt aus deportiert und ermordet. Ein Mann nimmt sich an einem anderen Ort das Leben.

jüdischer Friedhof Mellrichstadt

1945
Die amerikanischen Besatzungsbehörden verlangen die sofortige Instandsetzung des Friedhofs.
Der damalige Bürgermeister Oskar Will lässt daraufhin die Steine wieder aufrichten, zerbrochene Steine lässt er kleben.
Allerdings werden vor allem im alten Friedhofsteil die Grabsteine seitenverkehrt aufgestellt, d.h. die Vorderseite zeigt heute nach Westen.

1945
Der Friedhof geht in den Besitz der Jewish Restitution Successor Organization (IRSO) über.

jüdischer Friedhof Mellrichstadt

1946
Nochmals  werden 16 Grabsteine umgeworfen. Die Täter werden auch diesmal nicht ermittelt.

1947
Der Schaden wird, so weit möglich, behoben und der Friedhof mit einem neuen Lattenzaun umgeben.
Jugendverbände übernahmen Schutz und Pflege des Friedhofs. Außerdem werden drei Personen bestimmt, die ab sofort die Wache am Friedhof übernehmen müssen.
Außerdem muss eine Tafel mit der Aufschrift „Unbefugten ist der Zutritt dieses Friedhofs strengstens untersagt und bei Strafe verboten“ angebracht werden.

1948
Der Friedhof ist wieder einigermaßen in Stand gesetzt.
In den folgenden Jahren müssen immer wieder Grabsteine standsicher gemacht werden.

1951 und 1954
Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern kauft der IRSO die einzelnen Friedhofsteile zu einem symbolischen Preis ab.
Seitdem obliegt dem Landesverband die Pflege des Friedhofs.

1969
Der Holzzaun um den Friedhof wird durch einen Maschendrahtzaun ersetzt.

1985
Der Friedhof wird in die Denkmalliste aufgenommen.

1997
Bei einem Tornado brechen fast alle Fichten im alten Friedhofsteil – wie durch ein Wunder stürzen sie aber zwischen die Grabreihen und richten kaum Schaden an.

Nach dem Sturm werden alle Fichten entfernt.

2001
Die Einfriedung wird erneuert, der Maschendrahtzaun durch eine Einfriedungsmauer ersetzt.