Meine zehn Tage in Buchenwald


 

nach Robert Rothschild, „My ten days in Buchenwald“
aus dem Englischen übersetzt von Hubertus Rust.

 

 

Im Frühjahr 1937 waren mein Bruder und ich noch die einzigen jüdischen Kinder, die das Gymnasium [in Bad Neustadt] besuchten. Es war der Wunsch des Direktors, seine Schule „judenrein“ zu machen. Deshalb rief er uns beide eines Morgens in sein Büro und empfahl uns die Schule zu verlassen, falls wir nicht hinausgeworfen werden wollten.

Für meinen Bruder und mich war das eine gute Nachricht, weil wir bereits einige Jahre lang morgens mit dem Herz in der Hose zur Schule gegangen waren, ohne zu wissen, ob wir am Nachmittag heil und gesund zurückkehren würden oder nicht. Die Belästigungen begannen schon am Bahnhof und setzten sich auf der 20minütigen Fahrt im Nahverkehrszug fort. Wir lebten in einer kleinen Stadt namens Mellrichstadt, welche zu dieser Zeit etwa 2 500 Einwohner hatte und in der jeder jeden kannte. Es war unmöglich, sich zwischen anderen Fahrgästen zu verstecken, und niemand hätte es riskiert, beim Helfen oder Beschützen eines Juden gesehen zu werden.

Ich war 13 Jahre alt, und es stellte sich die Frage, was mit mir anzufangen wäre. Mein Bruder, der eineinhalb Jahre älter war, wurde an eine der jüdischen Handelsschulen geschickt, die überall in Deutschland entstanden waren, um den jüdischen Jugendlichen die Fähigkeiten für das Überleben nach der Emigration beizubringen. Er lernte Schlosser. Ich wurde für ein weiteres Jahr an eine jüdische Volksschule [in Unsleben] geschickt, um meine gesetzliche Schulpflicht zu erfüllen. Danach wurde ich Lehrling bei meinem Onkel David, der Schneider in Zella-Mehlis war, einer Stadt, die etwa 50 km entfernt war. Jeden Morgen um 5:30 Uhr nahm ich den Nahverkehrszug für die eineinhalbstündige Fahrt, auf der ich einmal umsteigen musste. Ich tat dies etwa 6 Monate lang.

Dann, an einem Samstag, als ich mit einem jüdischen Freund [in Mellrichstadt] eine Besorgung machte, blockierte eine Gruppe von Angehörigen der „Hitler-Jugend“ unseren Weg. Einer von ihnen hob einen Stein auf und machte Anstalten, ihn auf mich zu werfen. Ich gab ihm einen Schubs und rannte. Ich stieß ihn nicht heftig, dazu war ich nicht groß und stark genug: aber ich brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und er fiel hin.

An diesem Abend wurde ich nach Einbruch der Dunkelheit zum Nazihauptquartier gerufen, [Robert Rothschild meint das Haus, in dem der Ortsgruppenleiter der NSDAP seinen Sitz hatte] das sich in einem Schulgebäudeteil am Ende einer Sackgasse befand. „Wie wagst du es als Jude einen Hitler-Jungen zu schlagen?“ schrie mich der Kommandant an. Ich wurde beschimpft und angewiesen, die Stadt zu meiner eigenen Sicherheit sofort zu verlassen.

Als ich den Raum verließ, konnte ich kaum glauben, dass dies alles gewesen sein sollte, was sie mit mir vorhatten; aber sobald ich auf die Straße trat, erkannte ich, dass ich gefangen war. Drei SA-Männer umringten mich, zwei blockierten den Ausgang der Sackgasse und der dritte schlug mich mit einem Gummiknüppel, hauptsächlich ins Gesicht. Ich brach zusammen und versuchte, so reglos wie möglich zu bleiben, in der Hoffnung, dass die Schläge aufhören würden. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, es erschien mir endlos. Schließlich liefen die drei einfach weg und ich ging nach Hause, benommen, mit großen schwarzen und blauen Säcken, die mir von den Augen bis weit über meine Wangen hingen. Die Reaktion meiner Mutter war: „Wenn du zum Sabbat-Gottesdienst gegangen wärest, anstatt mit deinem Freund herumzulaufen, wäre das nicht passiert.“
Mein Vater war nicht zu Hause. Er war einige Wochen zuvor verhaftet worden, nachdem ihn jemand dafür angezeigt hatte, dass er zu einem Kunden gesagt hatte: „Du lachst heute, aber ich bin nicht sicher, wer morgen lachen wird.“ Dafür war er wegen Verleumdung des Dritten Reiches zu vier Monaten Haft verurteilt worden.
Am nächsten Tag nahm ich den Zug zum Haus meines Onkels, um dort zu bleiben.

Dort wohnte ich auch am 9. November 1938.
Am 7. November 1938 war ein deutscher Diplomat von einem polnischen Juden in der deutschen Botschaft in Paris erschossen worden. Zwei Tage lang hatten das Radio und alle Zeitungen Phrasen gedroschen und gehetzt, alle Juden für die Tat verantwortlich gemacht und Rache gefordert. Am 9. November schlug die Rache zu. In dieser Nacht gingen die meisten Synagogen in Deutschland in Flammen auf, praktisch alle Fenster von jüdischen Geschäften wurden eingeworfen und viele Wohnungen zerstört. Diese Nacht wurde in der Geschichte bekannt als „Kristallnacht“. Alle jüdischen Männer wurden verhaftet, angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit, um sie vor dem Zorn der Deutschen zu bewahren. Mein Onkel war um zwei Uhr morgens an der Reihe.
Dieses Gebiet Deutschlands besaß viele Waffenfabriken, und Juden aus den Nachbardörfern wurden als Zwangsarbeiter auf Baustellen eingesetzt. Als sich die Nachricht verbreitete, dass die Juden zusammengetrieben würden, verschwanden einige dieser Zwangsarbeiter. Etwa um 11 Uhr morgens klopfte es an der Tür. Ich war alleine zu Hause, weil meine Tante einkaufen gegangen war, Als ich die Tür öffnete, standen dort drei Polizisten mit dem Befehl, die drei jüdischen Wohnungen dieser Stadt daraufhin zu durchsuchen, ob die verschwundenen Arbeiter sich dort versteckt hielten. Plötzlich drehte sich einer der Polizisten um und fragte mich: „Wer bist du denn?“ Ich erklärte ihm, dass ich ein Neffe meines Onkels sei; er schaute seinen Vorgesetzten an, der sagte: „Nimm ihn nur mit!“ Wir hatten in der Tat Glück, von der Polizei verhaftet worden zu sein, da uns kein körperlicher Schaden zugefügt wurde, solange wir in deren Gefängnis waren. Juden, die von Sturmtruppen verhaftet wurden, hatten nicht den Luxus, die Tür auf ein Klopfen hin öffnen zu dürfen. Die Truppen schlugen die Tür einfach ein und zerstörten in den meisten Fällen die Wohnungen völlig. Bis zu ihrer Ankunft im Lager waren die Gefangenen ein blutiges Häufchen.

Ich verbrachte den ersten Tag meiner Inhaftierung in einer normalen Gefängniszelle. Mein Gürtel und meine Schnürsenkel waren mir abgenommen worden, wie jedem Kriminellen. In dieser Stadt gab es nur drei jüdische Familien, so dass das Zusammentreiben fünf Gefangene ergab: mein Onkel, ich, zwei Zwangsarbeiter und ein anderer Jude. Später am Morgen gab es Unruhe, als ein weiterer „Jude“ hereingebracht wurde. Dieser Herr hatte bis zu dem Moment, in dem er verhaftet worden war, nicht gewusst, dass er jüdisch war. Anscheinend hatte jemand herausgefunden, dass er eine jüdische Großmutter hatte. Hitler hatte erlassen, dass jeder mit derartig viel jüdischem Blut als „ nicht-arisch“ einzustufen war. So wurde er, wie der Rest von uns, verhaftet. Am Nachmittag wurden wir zu einem Lauf um den Gefängnishof gebracht, auf dem wir in Schuhen ohne Schnürsenkel herumschlurften und unsere Hosen mit beiden Händen oben hielten. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden wir in einen Polizeiwagen geladen, mit unbekanntem Ziel.
Die Fensterläden an den Fenstern des Polizeifahrzeugs waren dicht verschlossen. Nur das Röhren des Motors war zu hören, als wir durch die stockdunkle Landschaft fuhren. Furcht und Entsetzen zeigten sich bei jedem im Gesicht. Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen eine scharfe Wendung, und die Stöße und Erschütterungen sagten uns, dass wir uns nicht mehr auf der Hauptstraße befanden. Einer der uns eskortierenden Polizisten erklärte uns, dass wir soeben in den Wald gefahren wären, in dem Buchenwald liege.
Ich möchte nie mehr wieder dieses Entsetzen erfahren, das diese Worte in mir hervorrief. Es war nicht so, dass irgendjemand in unserer Gruppe irgendwelche tatsächlichen Informationen über Buchenwald oder ein anderes Konzentrationslager hatte. Es war die Furcht vor dem Unbekannten, ausgelöst von den schrecklichen Gerüchten darüber, was den Insassen dieser Lager passierte, die im Land umgegangen waren. Diese packende Furcht beherrschte uns, als der Kleinlaster in einem hell erleuchteten Hof zum Halten kam. Als wir aus dem Wagen gestoßen wurden, waren unsere ersten Eindrücke die Stacheldrahtzäune, die Wachtürme und, über einem großen Tor eingelassen, die Worte: „Arbeit macht frei“. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass diese Art der Befreiung mit Tod gleichzusetzen war. [Robert Rothschild erinnert sich hier nicht korrekt. In Buchenwald stand „Jedem das Seine“ über dem Eingangstor.] Einige hundert andere jüdische Gefangene, die auch gerade erst aus verschiedenen Teilen Deutschlands angekommen waren, liefen auf dem Hof durcheinander. Als unser Polizeiwagen abfuhr, öffneten sich die Tore und wir alle wurden von Lagerwachen hindurch auf einen großen, Licht überfluteten Paradeplatz gestoßen und geschoben. Plötzlich gingen die Lichter aus, Hunde bellten, die Wachen schrien Befehle, und wir wurden, gestoßen von Gewehrläufen, in der Dunkelheit in alle Richtungen gejagt, an einem unbekannten Ort, wo niemand wusste, wohin er laufen sollte. Das war unsere erste Einschüchterungslektion.

Als die Lichter wieder angingen, fand ich mich direkt einem Wächter gegenüber. Er lächelte mich an und sagte: „Hast du deine Schulbücher mitgebracht?“ Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, ich hatte Angst und zitterte. War es möglich, dass ich zufällig einen Wächter mit einem kleinen bisschen Mitleid getroffen hatte? Er flüsterte mir zu, dass in einigen Minuten die Lichter wieder gelöscht werden würden und ich dann so schnell ich konnte zu Baracke Nr. 2 rennen sollte, und deutete mit dem Finger in deren Richtung. Als der Aufmarschplatz ein weiteres Mal in Dunkelheit gehüllt war, rannten ich und einige andere, die die Unterhaltung mitgehört hatten, so flink, wie nur Furcht jemanden treiben kann, zu unserem neuen Zuhause: Baracke Nr. 2.
Es überkamen uns Schuldgefühle, als wir die Schreie unserer Mitgefangenen hörten, die von den Wachen geschlagen und von den Hunden gebissen wurden.
Alle Baracken waren identisch. Es gab 6 Stück, große Holzhütten, innen wie Lagerhäuser mit 6 Bretteretagen, auf denen menschliche Wesen wie überschüssige Ware gelagert wurden. Unsere kleine Gruppe stand einfach in dem sonst leeren Gebäude herum und wartete auf das, was als nächstes geschehen würde. Nach etwa einer halben Stunde wurden die anderen Gefangenen hereingeführt, viele von ihnen blutüberströmt.

Es gab eine Anzahl von Österreichern in Buchenwald, die seit dem „Anschluss“ ihres Landes durch Hitler im Jahre 1938 dort waren, und unter deren Aufsicht wir Neuankömmlinge gestellt wurden. Sie verbanden die Wunden und führten uns in die Lagerregeln ein. Einige der Österreicher waren sehr nett und hilfsbereit, während andere fast genau so grob waren, wie die deutschen Wachen, und erklärten: „Wenn wir es euch nicht besorgen, besorgen sie es uns“. Ein weiteres Mal hatte ich Glück. Ein Dr. Herzog nahm mich unter seine Fittiche, und ihm war es zu verdanken, dass mir während meiner gesamten Inhaftierung nichts Ernstes passierte. Um Schäden aus dem Weg zu gehen, wies er mich an, die 6. Etage als Schlafkoje zu nehmen, da die Wachen, wenn sie nachts in die Baracken kamen, nur diejenigen belästigten, die leicht zu erreichen waren. Um nach oben zu gelangen, musste ich wie eine Katze an den Stützstangen hinaufklettern; deshalb lagen die Alten und Kranken auf den untersten Brettern, und sie trugen die Hauptlast aller Brutalitäten, die in den Baracken verübt wurden. Alle Wachen trugen Gummiknüppel und schlugen damit willkürlich um sich.

Buchenwald war in zwei Lager geteilt. Auf der einen Seite befand sich die Strafabteilung für „Kriminelle“ wie meinen Vater, der, wie sich herausstellte, seit November 1938 dort war. In dieser Abteilung gab es feste Häuser und gepflasterte Straßen, aber es gab keinen Kontakt zwischen diesen „Kriminellen“ und uns auf der anderen Seite in Notbehelfshütten, die wir nur in „Schutzhaft“ hier waren. Wir sahen sie nur morgens in einen Steinbruch hinausmarschieren und nachmittags zurückkehren, wobei jeder einen großen Geröllbrocken auf den Schultern trug. Ich habe meinen Vater unter ihnen nie gesehen. Ich erfuhr erst später davon, wie nahe ich ihm in Buchenwald gewesen war.
Unser Lagerteil war nur eine Lichtung im Wald ohne fließendes Wasser und ohne sanitäre Einrichtungen. Die „Toilette“ war eine Latrine, ein großes Loch im Boden, etwa 25 Meter im Quadrat, mit durch Gestelle abgestützten Pfosten, außen herum. Da saßen wir wie Vögel auf der Stange und gaben den Bedürfnissen der Natur nach. Hin und wieder gab ein Wächter einem Häftling, nur zum Spaß, einen kleinen Schubs mit dem Gewehr, und das arme Opfer ertrank buchstäblich in der Scheiße. Das röhrende Gelächter der anderen Wachen war nur grotesk für uns, die wir unter ihrem „Schutz“ standen. Die Wachen fischten die Körper einen oder mehrere Tage später mit Mistgabeln aus dem Dreck und ließen sie tagelang um die Latrine herum liegen, bis ihre Bäuche aufquollen und manche tatsächlich aufplatzten. Wäre das Wetter nicht so kalt gewesen, wäre eine Epidemie sicher gewesen.
Natürlich erhielten die Familien der armen Opfer die übliche Benachrichtigung darüber, wie ihr geliebter Angehöriger erkrankt war, und wie er trotz der unermüdlichen Anstrengungen der Lagerärzte dieser Krankheit erlegen war.
Nachts wurden große Fässer in die Mitte der Baracken gebracht und morgens nach Freiwilligen gefragt, diese hinauszutragen. Jeder war begierig, diese unangenehme Arbeit zu verrichten, denn den Fässerträgern war es erlaubt, sich die Hände zu waschen.

Unser Essen bestand hauptsächlich aus dünner Suppe zum Mittagessen und einem Stück Brot mit einer Ecke Käse oder Blutwurst zum Abendessen. Wir hatten Glück, dass es die meiste Zeit regnete, denn das einzige Wasser, das wir zum Trinken oder Waschen bekamen, war das, was wir in unseren Blechschüsseln sammelten, wenn es vom Dach herunter lief.

An den ersten drei Tagen war der Tagesablauf wie folgt: Morgens mussten wir vor die Baracken marschieren und den ganzen Tag, mit Ausnahme der Mittagspause strammstehen. Es war November, es war kalt, es regnete, und wir versanken bis zu den Knien im Schlamm. Für die Kranken und Alten war die Belastung zu groß; sie brachen zusammen, wurden ohnmächtig oder fielen einfach tot um. Jeder Versuch, ihnen zu helfen, zog Bestrafung nach sich, da der Befehl war, strammzustehen.
Die Bestrafung vollzog sich in der Form, dass man auf eine Bank geschnallt und von den Wachen auf den bloßen Rücken geschlagen wurde. Jeder Wächter führte der Reihe nach nur drei oder vier Peitschenhiebe, um sicherzustellen, das jeder einzelne mit voller Kraft geführt werden konnte. Eine andere Strafe war, dass man in eine Kabine gequetscht wurde, die so eng war, dass man seinen Körper nicht bewegen konnte, und Öffnungen an den empfindlicheren Stellen für regelmäßige Prügel hatte. Tag und Nacht drangen gequälte Schreie aus diesen Folterkammern, und wenn die Opfer nach nur wenigen Tagen in die Baracken zurückkehrten, hatten sie 10, 15 oder mehr Pfund abgenommen. Viele schafften es natürlich nicht, zurückzukehren.
Es war auch möglich, dass man an den Achselhöhlen mehrere Stunden lang an einem Baum aufgehängt wurde, wo die vorbeikommenden Wachen sich damit amüsierten, dass sie einem ihre Knüppel oder Gewehrläufe in die Geschlechtsteile stießen oder dorthin, wo es ihnen ihr sadistischer Sinn für Humor gerade eingab.
Ziemlich viele Gefangene begingen Selbstmord, was sehr leicht war. Der Stacheldraht um das Lager herum war elektrisch geladen, und ein Sicherheitsstreifen von etwa 1,50 Meter verlief parallel zum Zaun. Um einen Kurzschluss zu vermeiden, erschossen die Wachen auf den Türmen jeden, der seinen Fuß in diesen Sicherheitsstreifen setzte.
Am vierten Tag wurde angekündigt, dass wir, anders als sonst, an diesem Tag sitzen würden. Wir mussten auf den Exerzierplatz hinausmarschieren und wurden angewiesen, uns hinzuhocken. Der Zweck dieser Übung wurde sehr schnell klar. Nach und nach wurden die Leute unruhig, als die meisten von ihnen Durchfall bekamen. Gruppen, die versuchten zu den Latrinen zu gehen, wurden mit Gewehrläufen zurückgetrieben. Offensichtlich war unserem Essen einen Tag zuvor ein Abführmittel beigemischt worden. Mein Glück hielt immer noch an: Ich litt wie einige andere an Verstopfung. Aber die meisten hatten bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir am Nachmittag zu unseren Baracken zurückmarschieren mussten, ihre Unterwäsche verdreckt. Als wir eintraten, verkauften die Wachen neue Unterwäsche.

Die nächsten fünf Tage waren mehr oder weniger so wie die ersten. Am zehnten Tag, während des Appells, war mein Name unter denen, die freigelassen werden sollten. Meine Mutter, die erst von meiner Haft erfuhr, als sie zwei frühere Mitschüler von mir in einem Nahverkehrszug darüber Witze machen hörte, hatte es mit der Hilfe unseres britischen Cousins geschafft, dass ich für einen Kindertransport vorgesehen worden war. Diese Kindertransporte wurden von verschiedenen Hilfsorganisationen organisiert, um Kinder aus Nazi-Deutschland zu retten. Meiner sollte nach England gehen.

Dies war erst 1938: Die „Endlösung der Judenfrage“ war noch nicht angekündigt worden, weshalb immer noch Lagerinsassen freigelassen wurden. Wir waren eine Gruppe von etwa 20 Personen, die zum Büro des Kommandanten gebracht wurden. Dort mussten wir uns ausziehen, da niemand mit Spuren von Schlägen gehen durfte. Dann wurden wir gewarnt, niemandem etwas von unseren Erlebnissen im Lager zu berichten, weil wir andernfalls zurückgebracht würden, und absolut niemand sei jemals ein zweites Mal herausgekommen.
Als nächstes kam die Frage, ob wir genug Geld hätten, um nach Hause zu kommen. Ich hatte keinen Pfennig und war den Tränen nahe, aber meine Mitgefangenen versicherten mir, dass nach der Bezahlung ihrer Fahrtgelder noch genügend Geld übrigbliebe, um mich heimzubringen. Wie kämen wir nach Weimar, der nächsten Stadt, etwa 12 bis 15 km entfernt, wo wir uns bei der Gestapo zu melden hatten? Der Kommandant schlug vor, Taxis zu bestellen, und sammelte für diesen Zweck Geld ein. Dann reichte er einen Teller für das Deutsche Winterhilfswerk herum, und natürlich wagte es niemand, der Geld hatte, nichts zu geben. Etwa um Mitternacht wurden wir angewiesen, an den Rand des Wäldchens zu gehen, wo die Taxis uns erwarten würden.
Niemand wurde bei Tageslicht entlassen. Es ist schwer vorstellbar, wie die Leute aussehen, nachdem sie sich 10 oder mehr Tage im Schlamm gewälzt haben. In dieser ganzen Zeit hatten wir uns nicht ein einziges Mal richtig gewaschen oder unsere Kleider gewechselt. Unsere Köpfe waren kahl rasiert und wir hatten das leere Starren von Leuten, die gerade aus der Hölle zurückgekehrt sind.
Wir kamen zur Hauptstraße, aber dort waren keine Taxis; so mussten wir den ganzen Weg nach Weimar zu Fuß gehen. Unterwegs wurde festgestellt, dass nach den Abgaben für die Taxis und das Winterhilfswerk niemand mehr Geld für mich übrig hatte. Als wir uns bei der Gestapo meldeten, blieb mir nichts anderes übrig als zuzugeben, dass ich kein Geld für die Heimreise besaß. Zuerst beschuldigte mich der zuständige Polizist, dass ich im Lager gelogen hätte, und erinnerte mich daran, dass er mich nach den Vorschriften wirklich zurücksenden sollte. Die Warnung des Kommandanten, dass niemand ein zweites Mal herauskomme, ging mir durch den Kopf. Ich muss einen Anblick geboten haben, der selbst einen abgehärteten Gestapo-Beamten dazu brachte, Mitleid mit einem 14jährigen jüdischen Jungen zu haben. Er sagte: „Ich werde dir eine Chance geben. Es gibt hier in Weimar einen Juden, der selbst erst kürzlich aus Buchenwald entlassen wurde. Ich werde ihn jetzt anrufen und ihm von dir erzählen; wenn er nur einen Augenblick zögert, gehst du zurück.“ Es war jetzt 4 Uhr morgens, und ich konnte den Schrecken in dieser Familie förmlich vor mir sehen, als das Telefon klingelte und der Beamte sagte: „Hier spricht die Gestapo.“ Aber sie stimmten sofort zu. Ich ging zu ihrem Haus, wo ich erfuhr, dass der Mann todkrank aus dem Lager zurückgekehrt war. Seine Frau und Tochter waren sehr freundlich zu mir; ich bekam mein erstes Bad und erstes richtiges Essen seit zehn Tagen. Sie gaben mir Geld, und bis 6 Uhr war ich schon auf dem Weg zum Haus meines Onkels.
Mein Onkel kam einige Wochen später zurück, und ich blieb bei ihm, bis ich an der Reihe war, das Land zu verlassen. Er hatte immer vorausgesagt, dass ich nie ein Schneider werden würde, und er hatte Recht. Ich verließ Deutschland schließlich im Februar 1939 in Richtung England.
Wie viele andere in meiner Familie schafften es mein Onkel und meine Tante nicht. Meine Großmutter, zu diesem Zeitpunkt eine gebrechliche Frau von 94 Jahren, wurde in einem Schubkarren zum Zug gebracht, der sie deportierte .Sie starben alle in Theresienstadt.